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„Ich wünsche mir mehr Mut, auch zu unliebsamen Entscheidungen“

Prof. Dr. Wolfgang Kießling, Lehrstuhl für Paläoumwelt an der FAU. (Bild: Carola Radke)

FAU-Paläobiologe Prof. Dr. Wolfgang Kießling ist zu einem Autor des Weltklimaberichts berufen worden

Er legt den Grundstein für die weltweite Klimapolitik: der Weltklimabericht, herausgegeben vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Weltklimarat. Die sechste Auflage soll im Jahr 2022 erscheinen und wie seine Vorgänger auch den aktuellen Forschungsstand zum Klimawandel umfassend bewerten. Einer der Hauptautoren ist Paläobiologe Prof. Dr. Wolfgang Kießling von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Im Interview erzählt er von seinen Aufgaben und der Bedeutung des Weltklimaberichts.

Herr Prof. Kießling, was für einen Einfluss hat der Weltklimabericht? Sind Resultate oder Konsequenzen durch seine Veröffentlichung spürbar?

Ich denke es gibt kaum eine wissenschaftliche Veröffentlichung, die sich direkter auf die Politik auswirkt. Der Weltklimabericht dient als die Grundlage für politische Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene. Der letzte Bericht war Basis für das berühmte Pariser Klimaabkommen im Dezember 2015, in dem weitreichende Vereinbarungen getroffen wurden, zum Beispiel die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen. Wichtig ist auch, dass mit Veröffentlichung der Berichte die breite Öffentlichkeit mit dem Thema konfrontiert und informiert wird.

Was ist Ihre Aufgabe beim Weltklimabericht?

Ich fungiere als sogenannter Lead Author für die Arbeitsgruppe II, in der es um die Auswirkungen des Klimawandels auf sozioökonomische und natürliche Systeme geht. Als Lead Author bin ich für einzelne Kapitel zuständig, die ich mit einer kleinen Gruppe von Autoren verfasse. Erstmals wird der Weltklimabericht historische und paläontologische Erkenntnisse explizit berücksichtigen. Meine Aufgabe wird es also sein, relevante paläontologische Erkenntnisse zusammenzutragen, zu bewerten und für die Allgemeinheit aufzubereiten, besonders was ihre Relevanz für den heutigen Klimawandel betrifft.

An dem Weltklimabericht arbeiten hunderte Wissenschaftler als Autoren mit. Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Es kann in der Tat sehr unübersichtlich werden, wenn sich zig Wissenschaftler um einzelne Formulierungen streiten. Ich habe schon Dokumente gesehen, in denen zu fast jedem Satz etwa fünf verschiedene Kommentare stehen. In der Praxis bricht sich die große Zahl von Beteiligten schnell auf kleine Einsatzteams herunter, die dann allerdings ihre Werke von unabhängigen Gutachtern überprüfen lassen und vor dem gesamten Klimarat dafür gerade stehen müssen.

Bei der Erstellung der Struktur für den neuen Weltklimabericht im Mai 2017 (Addis Abeba, Äthiopien), waren zum Beispiel über 200 Experten aus 60 Ländern anwesend. Die verteilten sich schnell auf drei Arbeitsgruppen, in denen wiederum einzelne Einsatzteams von acht bis zehn Wissenschaftlern die Details aushandelten. Erst am Ende trafen sich alle wieder, um über die Vorschläge abzustimmen. Die Organisation des IPCC ist vorbildlich was die Kombination von Effizienz und demokratischen Strukturen angeht. Natürlich wird am Ende voraussichtlich viel um einzelne Statements gerungen. Das kann ich noch nicht beurteilen – ich bin ja das erste Mal dabei.

Was erhoffen Sie sich vom Weltklimabericht? Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Persönlich erhoffe ich mir eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Klimaeffekte in der Vergangenheit. Nur wer versteht, wie sich Klimawandel in der Vergangenheit auf Organismen und Ökosysteme auswirkte, kann bei der Vorhersage erfolgreich sein.

Auch bin ich neugierig, wie sich die seit 2014 wieder stark beschleunigte Erwärmung auf Klimaprognosen für die nächsten 80 Jahre auswirkt. Ich würde mir auch wünschen, dass im nächsten Weltklimabericht die quantifizierten Unsicherheiten nicht als Schwäche gedeutet werden können. Zu oft spielt saubere Wissenschaft den Klimaskeptikern in die Arme, wenn einige Prognosen nur als „wahrscheinlich“ berichtet werden. Hier sind Wissenschaftler, Medien und Bürger gleichermaßen in der Pflicht.

Von der Politik wünsche ich mir noch mehr Mut, auch zu unliebsamen Entscheidungen. Interessante Ideen, wie kürzlich wieder ein Gratis-Nahverkehr, werden zu schnell fallen gelassen.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Wolfgang Kießling
Tel.: 09131/85-26959
wolfgang.kiessling@fau.de