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Pflanzen erobern Europas Gipfel immer schneller

Arnica montana – Arnika: Eine subalpine Art, die auf Bergwiesen und -Weiden hauptsächlich über der Waldgrenze vorkommt. Historisch auf keinem einzigen Gipfel aus dem Datensatz der Forscher zu finden. Heute dagegen auf 14 Gipfeln. Höchster Fundort: 3052 m auf dem Gipfel des Monte Vago, nah der Schweizer Grenze, Livigno. (Bild: Veronika Stöckli)

FAU-Forscher zeigen erstmals, dass die Zahl der Pflanzenarten auf Berggipfeln steigt je stärker die Klimaerwärmung ist

Heute wachsen auf Berggipfeln deutlich mehr Pflanzenarten als noch vor 100 Jahren. Viele Studien haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass dies mit der Erwärmung der Klimas zusammenhängt. Doch ein direkter Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und zunehmender Artenzahl konnte bisher nicht großflächig nachgewiesen werden. Forschern um Prof. Dr. Manuel Steinbauer von der Professur für System-Paläobiologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und Dr. Sonja Wipf vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) ist es zusammen mit Wissenschaftlern aus elf Ländern gelungen, erstmals zu beweisen, dass die Artenvielfalt auf Berggipfeln in ganz Europa ansteigt und dass dies immer schneller geschieht. Die Ergebnisse haben sie nun in der renommierten Fachzeitschrift Nature publiziert (DOI: 10.1038/s41586-018-0005-6).

Dazu nahmen sie die Vegetation auf Berggipfeln in ganz Europa unter die Lupe und untersuchten drei mögliche Einflussfaktoren: Die Veränderung der Temperaturen im Sommer, die Veränderung der jährlichen Niederschlagsmenge sowie Stickstoffablagerungen. Insgesamt erhoben die Wissenschaftler den Bestand der Arten auf 302 Gipfeln in den Alpen, den Pyrenäen, den Karpaten sowie in schottischen und skandinavischen Gebirgen. Ihre Aufzeichnungen verglichen die Forscher mit älteren – teils historischen – Vegetationsaufnahmen derselben Gipfel. Dadurch entstand ein einmaliger Datensatz, der eine Zeitspanne von 145 Jahren umfasst.

Veränderung der Artenvielfalt

Das Bild zeigt die Pflanze Ranunculus glacialis – Gletscherhahnenfuss: Typische Hochgebirgsart, die vor allem auf saurem Gestein wie Granit und Gneiss wächst. Wurde in den meisten der untersuchten europäischen Berggebieten auf Gipfeln gefunden. Die Pflanze war im historischen Datensatz bereits auf 113 Gipfeln präsent und wurde bis auf kleine Abweichungen auf der Mehrzahl der Gipfel wieder vorgefunden.

Ranunculus glacialis – Gletscherhahnenfuss: Typische Hochgebirgsart, die vor allem auf saurem Gestein wie Granit und Gneiss wächst. Wurde in den meisten der untersuchten europäischen Berggebieten auf Gipfeln gefunden. Die Pflanze war im historischen Datensatz bereits auf 113 Gipfeln präsent und wurde bis auf kleine Abweichungen auf der Mehrzahl der Gipfel wieder vorgefunden. (Bild: Sarah Burg, SLF)

„Immer mehr Arten ist es möglich, aus tieferen Lagen in höhere Regionen vorzudringen. Dort konnten sie vor Jahrzehnten noch nicht überleben. Es gibt deutliche Hinweise, dass dies mit der globalen Erwärmung zusammenhängt“, erklärt FAU-Paläobiologe Steinbauer. Die Arten sind im Durchschnitt grösser und dadurch konkurrenzstärker als die angestammten Gipfelbewohner. Diese laufen deshalb auf längere Sicht Gefahr, verdrängt zu werden. Wie sich die Artenzusammensetzung auf Gipfeln mit dem Klimawandel langfristig verändert, wird sich jedoch erst in den nächsten Jahrzehnten zeigen.

Beschleunigte Reaktion auf den Klimawandel

Das Ergebnis zeigt, dass die Zahl der Arten auf europäischen Gipfeln generell zugenommen hat. Zudem erfolgte dieser Anstieg in den letzten Jahrzehnten immer schneller. Die Artenvielfalt ist in diesem Jahrzehnt fünf Mal so hoch wie in den vergangenen 50 Jahren. Grund dafür ist die Klimaerwärmung, die sich ebenfalls immer mehr beschleunigt hat: Je stärker die Erwärmung in der Zeitspanne zwischen zwei Vegetationsaufnahmen auf einem Gipfel war, desto mehr hatte auch die Zahl der Pflanzenarten zugenommen. „Es ist das erste Mal, dass man eine solche beschleunigte Reaktion auf den Klimawandel für alpine Lebensräume nachweisen kann“, sagt SLF-Forscherin Wipf. Bisher ist eine derartige Beschleunigung von Prozessen – verursacht durch die immer schnellere Klimaerwärmung – vor allem von unbelebten Systemen wie beispielsweise Gletschern bekannt.

Kontakt:

Prof. Dr. Manuel Steinbauer
Tel.: 09131/85-22407
manuel.steinbauer@fau.de