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Jurassic Park am Computer

Portrait Prof. Rachel Warnock
Bild: Warnock

FAU-Gastprofessorin Dr. Rachel Warnock über Paläontologie, Studieren und Forschen in Zeiten von Corona

Viele denken bei Paläontologie an Feldforschung, Graben nach Fossilien und Jurassic Park. Dabei ist ein großer Teil der Forschung computergestützt. Eine Paläontologin, die hauptsächlich am Rechner forscht, ist Dr. Rachel Warnock. Sie ist in diesem Semester Gastprofessorin am Lehrstuhl für Paläoumwelt der FAU. Im Interview spricht sie über das digitale Semester, Corona und ihre Forschung.

Sie haben in diesem Semester eine Gastprofessur an der FAU inne – warum haben Sie sich für die FAU entschieden?

Es gibt einige Leute an der FAU, mit denen ich schon lange zusammenarbeiten wollte. Wir forschen an ähnlichen Dingen und können viel voneinander lernen. Unabhängig davon wurde ich auch gefragt, ob ich mich für die Stelle bewerben will.

Eigentlich wollten Sie nach Erlangen kommen, doch das Coronavirus hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie läuft das Semester für Sie?

Im Vergleich zu vielen anderen Menschen läuft es gut. In den ersten Wochen des Lockdowns, also bevor ich mit dem Unterrichten begonnen habe, fiel es mir sehr schwer, mich zu konzentrieren. Aber dann hatte ich diese sehr schöne positive Sache, auf die ich mich konzentrieren musste. Der Unterricht hat mich von den Nachrichten und allem, was bei meinen Bekannten los war, abgelenkt. Es macht mir auch nichts aus, online zu lehren. Ich denke, dass die Studierenden meistens wirklich gut damit umgehen. Ich wünschte natürlich, ich wäre mit ihnen im selben Raum, aber das ist schon in Ordnung. Ich sehe die gleiche Gruppe von Studierenden drei- bis viermal pro Woche, so dass ich sie recht gut kennenlerne. Und es gibt viele Gelegenheiten für Diskussionen.

Hatten Sie schon Erfahrungen im Online-Unterrichten?

Nein, das hatte ich vorher noch nie gemacht und war ein wenig skeptisch. Aber für mich ist es nicht viel anders als Präsenzlehre. Wir programmieren allerdings viel und bei einigen Problemen wäre es wirklich schön, Seite an Seite mit den Studierenden zu sein – das ist ein bisschen schwierig. Doch in den nächsten Wochen beginnen die Studierenden mit eigenen Projekten, dann haben wir mehr Gelegenheiten für Einzelsitzungen. Und Videokonferenz-Tools wie zum Beispiel Zoom haben alles, was wir brauchen: Die Möglichkeit, den Bildschirm zu teilen, macht alles sehr einfach. Es hat bisher immer gut geklappt.

Wie ist es, eine Universität „digital“ kennen zu lernen? Und wie ist der Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen?

Wir nutzen einen Messenger-Dienst, um zu kommunizieren. Wir haben verschiedene Gruppen für verschiedene Kurse. Auf diese Weise können wir in Kontakt bleiben. Zusätzlich wird einmal pro Woche ein Treffen vom Lehrstuhl organisiert, bei dem wir zusammen Kaffee trinken. Ich betreue zudem die Masterarbeit einer Studentin. Sie ist zurzeit in Irland und wir treffen uns einmal pro Woche, auch wenn keiner von uns Fortschritte gemacht hat. Ich denke, es ist wirklich wichtig, viel miteinander zu kommunizieren.

Ich habe das Gefühl, dass ich einige Leute ziemlich gut kennengelernt habe – möglicherweise besser, als wenn ich persönlich da wäre. Vielleicht hat die aktuelle Situation ein paar mehr Gelegenheiten dafür geschaffen. Außerdem ist es bei Videokonferenzen praktisch, dass immer nur eine Person zur gleichen Zeit sprechen kann. Wir müssen uns also wirklich zuhören. Es ist nicht so, als wären wir in einem großen Raum, in dem verschiedene Leute miteinander reden können.

Hat ein digitales Semester wie dieses also auch Vorteile?

Auf jeden Fall. Jetzt wird es mehr Freiheiten für Leute geben, die von zuhause aus arbeiten wollen. Viele haben gezeigt, dass das möglich ist. Ich engagiere mich zum Beispiel in der „Palaeontological Association“, einer wissenschaftlichen Gesellschaft im Vereinigten Königreich. Bisher war es nie möglich, eine digitale Sitzung abzuhalten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben oft gefragt, ob sie auch digital teilnehmen können, wenn sie nicht nach London kommen können. Es hat immer einen Grund gegeben, warum das nicht ging. Aber jetzt können wir noch einmal überdenken, ob es nicht doch funktioniert.

Ich finde es außerdem schön, dass alles entschleunigt wurde. Normalerweise reise ich sehr viel – aus persönlichen und beruflichen Gründen. Aber jetzt ist mir klargeworden, dass das oft nicht sein muss.

Welche Art von Herausforderungen bringt das Online-Semester mit sich?

Ich habe keine Kinder, was die Situation viel einfacher macht. Ich sehe, dass meine Kolleginnen und Kollegen, die zuhause zusätzlich ihre Kinder betreuen, sehr gestresst sind. Wenn ich also meine Situation mit der anderer Menschen vergleiche, ist für mich alles in Ordnung. Die größte Herausforderung besteht darin, dass ich mir Sorgen um meine Familie mache. Sie lebt hauptsächlich in Großbritannien, wo die Lage unsicherer ist. Außerdem weiß ich nicht, wann ich sie das nächste Mal sehen kann. Meine Schwester kann beispielsweise nicht arbeiten, weil sie in einem Restaurant angestellt ist. Die Tatsache, dass wir in der Lage sind, online zu arbeiten, zu unterrichten und dafür bezahlt werden, ist wirklich schön. Das ist ein großes Glück.

Sie wollten an der FAU auch forschen. Geht das auch digital?

Ja, in den nächsten Wochen liegt mein Schwerpunkt noch auf der Lehre, dann verlagere ich meinen Schwerpunkt auf die Forschung. Alles, was ich machen wollte, kann ich aus der Ferne tun. Ich mache keine Laborarbeit, meine ganze Forschung läuft auf dem Computer. Es sollte auch kein Problem sein, mit Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren.

Eigentlich denkt man, dass gerade Paläontologinnen und Paläontologen eher praktisch arbeiten …

Das stimmt. Das Schöne an der Paläontologie ist aber, dass man so viel tun kann – von der Feldforschung bis hin zur wirklich theoretischen Arbeit. Ich mache gerne Feldforschung, aber ich mag es mehr, computergestützt zu forschen. Die meisten Leute denken, in der Paläontologie ginge es darum, rauszugehen und wie Indiana Jones Forschung zu betreiben. Das dachte ich auch, bis ich meinen Doktorvater traf. Dann wurde mir klar, dass man all diese anderen interessanten Sachen machen kann. Aber ich weiß, dass wir diesen Ruf haben und dass die Forscherinnen und Forscher im FAU-Department versuchen, ihn zu ändern. Hier suchen viele Menschen nach verschiedenen und innovativen Wegen, wie wir unser Wissen über unsere geologische Vergangenheit nutzen können, um zu verstehen, was heute mit dem Planeten geschieht.

Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Ich beschäftige mich mit der Phylogenetik. Das sind Methoden, mit denen evolutionäre Stammbäume erstellt werden. Wir versuchen also, die evolutionären Beziehungen zwischen verschiedenen Arten zu verstehen. Wir beschäftigen uns damit, wann sich verschiedene Gruppen von Lebewesen entwickelt oder wann sich die Evolutionsraten verändert haben: Wann war die Evolution schneller und langsamer? Wie können wir diese Beobachtungen mit Umwelterscheinungen in Verbindung bringen? Was sind die geologischen Ereignisse, die zu diesen Veränderungen in der Evolutionsgeschichte geführt haben? Und ich suche nach Wegen, wie wir die Phylogenetik besser für die Untersuchung von Fossilienfunden nutzen können. Mit meiner Forschung sind wir in der Lage, mehr mit den Funden zu tun, die wir haben. Wir können mehr Beweise berücksichtigen und mehr verschiedene Beweisarten wie DNA-Funde oder Fossilien kombinieren. Manchmal können wir so Lücken in der Evolutionsgeschichte schließen – aber manchmal erweitern wir diese Lücken, indem wir mehr Fragen aufwerfen.

Weitere Informationen:

Dr. Rachel Warnock
rachel.warnock@fau.de

Dr. Emilia Jarochowsky
emilia.jarochowska@fau.de